Wenn ich eines von meiner langen Reise um die halbe Welt mitgenommen habe, ist es einfach zu machen! Aufschieben, denken, dass man es nicht kann oder zu lange überlegen, sich nicht zutrauen oder noch weiter recherchieren. Über ein Tattoo oder eine Heirat sollte man vielleicht doch noch 24h nachdenken: Keine Eile. Kann man beides rückgängig machen. Aber es bleiben Narben – auf der Haut und in der Seele. Ich spreche hier aus Erfahrungen. Ich komme also aus Afrika wieder und habe mich für meine zwei Volkshochschulkurse Sport angemeldet. Hatte jetzt ein Jahr Pause. Aber ich will mehr. Bewegung ist Leben. Ich brauche das, dann bin ich ausgeglichen. Und lässt mich leichter durch die Welt gehen. Ich recherchiere Boxen für Frauen. 650 Meter entfernt. Kickboxen im Kiez. Früher hätte ich wahrscheinlich noch überlegt, weiter geguckt und Ausrede gefunden?! Ich buche eine Probestunde. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Egal, das hatte ich beim Tauchen, Schnorcheln, Rafting und Surfen auch nicht. Ich hebe das Durchschnittsalter definitiv an. Ich habe eine Trainerin, die nur für die Probeschülerinnen vor Ort ist, an meine Seite gestellt bekommen. So herzlich alle. Bin ich in Berlin? Aufwärmen beginnt mit dem Seilspringen. Ich verrecke. Ich übertreibe es nicht. Jetzt Hockstrecksprung. Kann hier jemand erste Hilfe? Mir läuft der Schweiß. Jetzt Boxhandschuhe und Schienbeinschoner an. Linke, rechte Gerade. Boxen. Technik. Nicht zu weit vorbeugen. Eindrehen. Ich mache mich zu klein – das ist das erste Feedback der Trainerin an mich. Ich solle meine Größe nutzen. Ich bin am Ende meiner Leistungsfähigkeit, aber ich mache weiter. Was geschieht hier. Pilates ist das definitiv nicht. Und surfen fühlt sich anders anstrengend an. Nach 50 Minuten muss ich mich fast übergeben. Die anderen Mädels (Ich traue mich, sie so zu nennen. 17 – 27 Jahre) bauen mich auf. Alles normal beim ersten Training. Ging allen so. Eine angenehme Atmosphäre im Kurs. So angenehm und ein Wir-Gefühl. Und zwei sind so alt wie ich. Ali, der Trainer ruft öfter Wallah. Harter Drill. Wir kicken alle nicht synchron gegen die Kickpads. Nochmal von vorne. 1 ….2 ….Der Trainer zählt und wir führen aus …Pause? Nein. Wir sollen nicht so viel Wasser trinken – zu viel Wasser im Bauch. Aber manchmal muss es sein. Ich habe angefangen, im Winter zu trainieren, ich will mir nicht vorstellen, wie es ist, bei 36 Grad hier zu kicken. Allen läuft der Schweiß. Beruhigt mich. Ich bin angefixt und erfrage nach der Stunde Ausnahmezustand die Preise für eine Mitgliedschaft. So sicher bin ich mir bei manchen Netto-Einkäufen nicht mal. Soll ich jetzt den Kohl kaufen oder lieber später? Hm, ich überlege lieber noch einen Tag … Hier zögere ich nicht. Gebucht. Ich gehe jetzt in den Anfängerkurs und lerne meinen Körper noch besser kennen. Ich muss vor diesem Training auf jeden Fall ein bis zwei Stunden vorher etwas essen, sonst klappt mein Kreislauf ab. Ich bin komplett durchgeschwitzt. Stellt euch vor eine Minute Low- bis High Kicks – also mit dem Schienbein gegen den Boxsack oder ein weiches Pad kicken – ohne Unterbrechung. Da ist die SkinnyBitch-Diät, also nichts essen, ein fataler Fehler. Samstags stehe ich um 8 Uhr auf, um mir meinen Haferflocken mit Bananen reinzustopfen, ob ich will oder nicht. Ich habe einmal nichts gegessen und ich bin weiß angelaufen. Mir hat dann eine Sparringspartnerin Traubenzucker in den Mund gedrückt. Danke. Jetzt habe ich meine eigenen Drogen immer bei mir. Frauen haben fünf normale Tage im Monat, das spielt auch noch eine Rolle bei der Fitness. Darüber wird sich unverblümt ausgetauscht. Meine Beine sind blau, denn die Schienbeinschoner schützen nicht davor, wenn deine Sparringspartnerin kickt, dass es nicht weh tut oder keine Spuren hinterlässt. Und Technik, Technik und Technik. Gerade boxen. Auf Augenhöhe. Nicht zu weit nach vorne beugen. Beim High Kick auf die Zehenspitzen springen, um mehr Kraft zu haben und die Hüfte eindrehen. Ich liebe es. So sehr. Ich denke nicht über mich nach, nicht über die bittere böse Welt zur Zeit – ich bin eine Stunde maximal auf das Training konzentriert. Das hatte ich schon lange nicht mehr. Nach der dritten Stunde ist Seilspringen viel einfacher. Man wird schnell fitter. Muss man, wenn man das durchhalten will. Planks. Hölle. Aber es wird immer besser. Ich durfte sogar schon einmal vor der Gruppe vorführen …denn Ali, unser Trainer und ehemaliger Meister, zeigt uns immer, was wir für eine neue Kombination boxen sollen. Alles ist gut betreut und durchgetaktet. Wir stehen alle stramm und parat. Alle, die dort trainieren wollen das. Keine Ausreden, aber Support, wenn jemand heute langsamer machen muss oder der linke Oberschenkel so blau ist, dass man bitte gerne den Rechten hinhalten möchte. Danke.
Ich lerne so viel dazu. Körperhaltung und das Distanz wichtig und entscheidend ist, um seine Kraft beim Schlagen gezielter einzusetzen. Wenn ich mal in einen Straßenkampf verwickelt werde, erklärt mir Ali, brauche ich der Person gegenüber nicht so nah zu kommen. Meine Kraft ist intensiver, wenn ich Abstand halte und zuschlage. Er demonstriert es mir, indem er einmal von 30 Zentimeter Entfernung meine Schulter anschubst und einmal von einem Meter Entfernung. Er ist 1,65 m und schafft es, mich so zu schubsen, dass ich ins Wanken komme. Und wenn ich den linken Haken schlage, dann drehe ich meinen ganzen Oberkörper inklusive Hüfte mit ein. Boom. Und das Atmen nicht vergessen. Wir bekommen mehrere Kombinationen als Ansage: Linke Rechte Linker Haken und Kick. Linke Rechte, Leberhaken und Treten. Manchmal will er unseren Kopf trainieren, indem er die Kombinationen nummeriert und dann eine Minute lang uns nur die Nummern zuruft. Jetzt 1. Jetzt 3. 1. 4. 2. Ali steht neben mir und kommentiert, dass ich 2 und 4 verwechsel. Ich keuche: Ich weiß Ali! Ich ziehe jetzt aber so durch. Keine Strafrunde für die Gruppe, weil ich verkackt habe. Puh!
Knöchelschoner kaufe ich mir auch ganz schnell. Man baut ab 25 ab und meine unzähligen Umknickvorfälle machen sich bemerkbar. Das letzte Mal bei der Gletscherwanderung. Das spüre ich jetzt noch. Also ziehe ich über meine bunten Socken Unterstützung. Hilft. Bandagen für die Fingerknöchel werden mir empfohlen. Ich lerne sie zu binden und gibt mir mehr Halt in den Boxhandschuhen. Mein Outfit ist bunt. Wanderleggings und meine geliebte kurze Wanderhose in Altrosa. Ein Funktionsshirt, weil Baumwolle eine schlechte Idee ist. Du bist nach 10 Minuten komplett nass.
Ich gehe Samstagmorgen. Leer und ruhig. Unter der Woche um 19:30 Uhr sind die Flächen knackevoll. Fliegender Wechsel. Ich warte dann mit meiner Gruppe, bis wir dran sind. Wir kommen ins Plaudern. Junge, tolle Frauen. Mehrere Jobs während der Ausbildung. Ich frage, ob das nicht zu viel ist. Und dann fällt der Satz, der mich beeindruckt: Jaha, Gas geben! Geld zurücklegen! Nach der Schicht im Kindergarten noch im KaDeWe Kaffee zubereiten und an Wochenenden dem Freund im Späti aushelfen. Klar. Respekt. Könnten alle meine Kinder sein. Jung und gut drauf.
Man wechselt seine Sparring-Partnerinnen und lernt dadurch, mit Linkshänderinnen zu trainieren. Manche kicken so hart, dass ich leide. Manche sind so schnell, dass ich nicht hinterherkomme. Einmal hatte ich eine Partnerin, die 6 Köpfe kleiner war als ich. Für die Treten-Einheit nicht ideal. Der zweite Trainer, auch ein Meister in irgendwas, übernimmt und hält für mich das Kickpad. 30 Sekunden ohne Pause gegen den Unterbauch treten. Mit Kraft. Spaß, aber auch irre anstrengend, nach 45 Minuten Training. Er schreit mich an, dass ich härter treten soll. Ich hole alles raus, was ich an Wut noch in meiner ausgeglichenen Seele habe. Hände dabei weiterhin vor dem Kopf. Körperhaltung.
Da ich in Berlin nicht surfen kann – ist Kickboxtraining eine sehr gute Alternative. Ich schlafe danach sofort ein und eine dicke Butterstulle gönne ich mir auch öfter. Meistens danach. Dazu Proteine. Rin damit. Ich darf das jetzt. Mein Tennisarm macht mich fertig. Ich werde ihn nicht los. Aber auf das Training verzichte ich nicht. Ob ich je richtig kämpfen werde, bezweifle ich. Ich nenne es daher bewusst Kickboxtraining und das reicht mir auch. Ich surfe ja auch nicht wie die Profis, ich versuche auf dem Brett zu stehen und habe Spaß und ein Workout. Geht’s um mehr? Bei mir nicht.