Dass ich eines Tages im Schulunterricht mit einer jungen Frau aus Palästina laut auf Deutsch Ausländer raus! Ausländer raus! grölen werde, habe ich auch nicht mehr erwartet. Ich gehe wieder zur Schule. Nein, ich mache nicht meinen Realschulabschluss nach. Ich müsste eigentlich, denn ich habe nie eine richtige Abschlussprüfung dafür abgelegt. Das ist eine andere Geschichte. Aber ich habe es schwarz auf weiß, dass ich einen Realschulabschluss in der BRD erworben habe. Zwar im Land Berlin, aber ich kann ja nun auch nichts dafür, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin. Egal wie! Ich hab ihn. Nein, ich lerne Vollzeit Englisch. Ich bin mit meinem bisherigen Sprachniveau in Englisch gut durchgekommen, aber das reicht mir nicht. Mein Anspruch ist hoch. Mein Selbstbewusstsein ist nicht vorhanden, um einfach zu sprechen. Doch, ich spreche, aber ich will besser werden. Ich hatte zwei Jahre Englisch in der Schule in den 90ern und da war ich auch nicht oft. Ich habe mir die Serien Absolutely Fabulous auf arte in Originalton mit deutschem Untertitel reingezogen. Daher mein britischer Akzent. Ha! Fluchen habe ich früh gelernt. SADE, TLC und Britney hören hat mir auch geholfen. Ich überlebe mit meinem Niveau. Aber ist die Zeitform korrekt eingesetzt? Gibt es dafür ein Idiom, wenn ich etwas ausdrücken will? Ist die Frage so richtig? Had been oder has been …und wann setze ich literally ein? Ich will, wie immer, perfekt sein! Ich frage die Regierung, ob sie mir einen Englischkurs sponsored. Hört sich so richtig gut an …007-mäßig. Frau Klamm im Auftrag der Regierung auf dem Weg zum C1-Level in English. Ich glaube mit A1-Niveau ist man geboren. A2 bis B1 kommt durch Konsum und das berühmt werdende www ab 2000. Wenn ich die Agentur für Arbeit oder Arbeitsamt für die vor 1998 geborenen als Sponsor nenne, dann klingt es halb so aufregend. …ich arbeite seit dem Jahr 2000 mit Pausen und habe brav eingezahlt. Versucht niemals von euren Lohnbescheinigungen zusammenzurechnen, was an Steuern abgezogen worden ist! Ich nehme also an einem Business-Englisch-Kurs teil. Zack. Ich möchte da ran und selbstbewusster werden. Ich mache einen Tag nach meiner Idee und dem GO! der Regierung einen Test in einer Schule meiner Wahl, welches Level ich habe. B2.2. Geht doch. Es wird konsequent kein Deutsch in der Schule gesprochen. Kann ich mich dran gewöhnen. Und muss ich auch. Ich fange gleich nächste Woche an. Keine Zeit zu verlieren. Intensivkurs. Meine Reise geht eigentlich hier in diesem Kurs weiter, denn ich bin eine von 10 Kartoffeln. Der Rest ist aus aller Welt. Russland, Saudi-Arabien, Pakistan, UK, San Francisco, Australien, Ukraine …und und und.
Mein erster Schultag seit 15 Jahren. Ich habe zu meinem Studium auch immer Schule gesagt und da bin ich seit 2010 raus. Ich bin natürlich pünktlich und immer vorbereitet. Eine Federmappe habe ich mir nicht gekauft, aber neue Kugelschreiber, mit denen man Geschriebenes wieder wegradieren kann. Praktisch. Denn die Hausaufgaben sind nicht immer korrekt. Mir raucht der Kopf. Ich träume nach einer Woche schon in Englisch und die ersten Stunden nach dem Unterricht muss die Kassiererin bei Lidl mein Englisch auch ertragen. Ja, sorry. 8 Stunden Englisch geredet und nun muss das Hirn wieder klarkommen. Ich bin stolz, Lisa aus Australien zu sein. Natürlich kloppen wir Zeitformen durch und Modalverben, von denen ich vorher noch nie etwas gehört habe! Was sind Kausalsätze? Gibt es die auch im Deutschen? Ich habe meinen Realschulabschluss! Ich habe meinen Realschulabschluss! Mir wird bewusst, dass ich Deutsch spreche, aber keine Ahnung von der Sprache und ihrer Grammatik habe. Aber ich stehe dazu. Fragt mich der tolle Lehrer aus Pakistan, der besser Deutsch als ich spricht, wann wir ‘Deutschen’ das Wort ‘beziehungsweise’ einsetzen. Gute Frage. Ich habe absolut keine Idee! Oder ‘gegebenenfalls’. Keine Ahnung. Lass mich in Ruhe! Ich bin nicht mal C1-Niveau in der deutschen Sprache. Denn dann müsste dieser Satz von mir sein: In Anbetracht der rasant fortschreitenden Digitalisierung ist es unerlässlich, dass Bildungseinrichtungen ihre Curricula kontinuierlich anpassen, um den Studierenden die erforderlichen Kompetenzen für den zukünftigen Arbeitsmarkt zu vermitteln. Ist er aber nicht. Niemals. KI, dein Freund und Helfer.
Viele sind in diesen Kursen, weil sie einen Test bestehen müssen, um den Job zu bekommen, oder sogar um ihn zu behalten oder um zu studieren. Diesen Druck will ich nicht. Niemals. Wir spielen einige Tests durch. Ist zu schaffen. Also B2/C1-Niveau, aber wenn man nicht gut drauf ist an diesem Tag, kann das auch nicht gut ausgehen. Und das ist dann die Bescheinigung, dass du diese Sprache sprechen kannst oder auch nicht. Blödsinn.
Wir bekommen regelmäßig Feedback. Sprachniveau setzt sich zusammen aus: Schnelligkeit, flüssig sprechen, natürlich klingen, Selbstbewusstsein beim Sprechen, Wortschatz und akkurates Einsetzen der Zeitformen. Deine Nachbarin kann noch so gut in Grammatik sein und mit beeindruckenden Vokabeln angeben, aber wenn sie vier Minuten braucht, um einen Satz zu sagen und sich anhört wie ein Tscheche mit Schlaganfall im Alter von 99, der noch nie die Englische Sprache gesprochen bzw. (So wendet man das bzw. an !!!???) gehört hat – nützt dir das alles nichts. Ich plapper flüssig, gut gelaunt und schnell. Dass ich typische Fehler mache, die meist Kartoffeln machen, ist halb so wild. Und zweimal das gleiche Verb nutzen. Uncool. Aber ich werde verstanden und man wird nicht aggressiv, wenn ich spreche. Aber ich will Perfektion und ich mache mir selbst zu viel Druck. Es nervt. Aber ich hole mich da raus und lerne es zu genießen und dem Progress zu trauen. Reden, reden, reden.
Verschiedene Kulturen sitzen an einem Tisch im Klassenzimmer. Menschen, die auf Grund ihrer Kultur sehr unterschiedlich sind, aber auch charakterlich geht’s ab. Die russische Frau neben mir und ich haben sofort einen Draht zueinander. Sie ist Psychotherapeutin, gerade frisch aus Israel nach Berlin gezogen. Ihr Mann arbeitet für die russische Regierung. Ich frage nicht weiter nach – dafür habe ich jetzt keine Nerven. Schöne heile Welt. Sie möchte besser mit ihren englischsprachigen Klient*innen kommunizieren. Sie ist immer zu hart und direkt. Wir stellen aber beide gemeinsam fest, dass das ihre und auch meine Art ist und der Englischunterricht das eventuell nicht ändern wird. Als wir diese Unterhaltung haben, umarmt sie mich erleichtert. Ihre Selbstzweifel über Ihre Art der Kommunikation in Sitzungen. Nein, das ist deine Stärke. Klar und direkt. Ich bräuchte so eine Therapeutin. Sagen was ist.
Wir gehen nicht nur stoisch irgendwelche Lehrmaterialien durch, sondern sprechen frei über Themen, die wir selbst wählen. Meist ergibt sich diese aus dem Smalltalk zu Beginn der Stunde. Je höher dein Niveau in der Sprache, desto mehr oder überwiegend sprichst du im Unterricht, weil Grammatik grob sitzt. Naja. Egal, lass reden …über den Tod, die Kindheit, Ängste und das Wetter – alles. Und meine englischsprachige Therapeutin stellt ganz nebenbei und mit ihrer typisch russischen Mimik fest, ohne mich dabei anzugucken, dass ich den Hang dazu habe, alles in meinem Leben zu kontrollieren. Also Therapiestunde auf Englisch. Ich habe nichts dagegen. Und recht hat sie auch noch.
Eine weitere Studienkollegin arbeitet auf der Intensivstation in der Charité und ich bin mir sehr sicher, dass ich diesen Job nicht aushalten könnte. Wir halten alle zwei Wochen eine Präsentation und sie berichtet von ihrem Job und Patient*innen. Ich dagegen mit meinen Stories von meiner Reise. Andere Vokabeln und anderer Vibe.
Mein Lieblingsmensch in der Schule ist Archäologe. Spezialisiert auf den osteuropäischen Raum. Projekte und Aufträge bleiben gerade aus, daher hat er beschlossen, sich weiterzubilden. Sogar bei seinem Englisch höre ich raus, dass er aus Sachsen ist. Na gut, Thüringen. Knapp vorbei. Habt ihr schon mal einen englischen Vortrag mit thüringischem Akzent von einem Archäologen gehört, der über selbst ausgegrabene Streitwagen irgendwo tief im Osten auf dieser Welt von vor 1945 erzählt? Terra X live im Sprachkurs. Das ist einfach unbezahlbar. Da sich viele Kolleg*innen vor diesen Präsentationen drücken, bleibt mehr Zeit für uns und das anschließende Feedback, was dann länger und detaillierter ausfällt. Das Feedback zu meiner letzten Präsentation war, dass ich die ing-Form bei meiner Toilette Story vom australischen Hostel anwenden hätte müssen. Three toilets. Forty women. I’m sitting in the middle, and the woman to my left is throwing up because she has a hangover. The woman to my right has food poisoning and is farting. Beide ‘tun’ das ja gerade zur gleichen Zeit. Zeitformen – so wichtig.
Wir bekommen Aufgaben ….im Live-Unterricht. Der Lehrer stellt uns eine Frage (Was ist unverzichtbar in deinem Leben? Was war die größte Herausforderung bisher für dich, in einem Team zu arbeiten?) und wir haben eine Minute Zeit, um uns Notizen zu machen, um dann anschließend 10 Minuten frei zu sprechen. Oder wir sollen einen Artikel online oder offline lesen und dann davon berichten. Ich lerne, dass es ok ist Vokabeln nicht zu kennen und Dinge zu umschreiben oder aus Müdigkeit auch mal grobe Fehler zu machen …da fällt dir einfach nicht mehr ein, was die dritte Form von dem Verb ‘laufen’ ist. Schreiben kommt nicht zu knapp. Business-Briefe, die ich prinzipiell mit Mrs Clooney unterschreibe. Ich nehme das nicht so ernst. Hauptsache die Grammatik stimmt und meine Botschaft, dass ich zwei Wochen frei haben will und das in einem Bettelbrief an meinen Vorgesetzten schreiben muss, ist klar. Dann eine Rezension unseres Lieblingsfilms: Wallstreet. Headline, Subline und dann so geschrieben, dass man Bock hat, den Film danach zu gucken.
Ich kann manche Kandidat*innen im Raum auch nicht leiden. Zu spät kommen. Respektlos. Dann bleibe ich zu Hause. Einmal ok. Zweimal auch. Aber jeden Tag einfach 45 Minuten später einfach reinsetzen und fragen, um was es geht. Damit habe ich schon Erfahrungen. In Rumänien habe ich für ein paar Monate studiert und es waren viele Spanier*innen dabei. Eine Szene werde ich nie vergessen und ich war auch ein bisschen beeindruckt. Ich war 27. Der eine junge Spanier kam mit einer Zigarettenschachtel in der Hand und James Dean Attitüde in die Klasse gestürmt (20 Minuten zu spät!) und standen im Türrahmen und fragten sowas ähnliches wie ‘What’s Up’? Dass der rumänische Lehrer noch den bitteren Kommunismus erlebt hat und noch lebte, war zum Nachteil des Spaniers. 2026 in Deutschland wird es einfach so geduldet. Was willst du auch machen? Eben. Ich bin da auch einfach zu Deutsch? Ich habe mich schnell daran gewöhnt und mich wieder schnell um mich und meinen Scheiß gekümmert.
Und dann kommt der Tag. Ein Montag, wo wir uns verquatscht haben und der Lehrer das auch nicht mit langweiligen Lückentexten gestoppt hat. Verschiedene Schicksale und Kulturen sitzen nun in einem Raum und man tauscht sich über die Unterschiede aus. Von der nationalen Küche. Wo gibt es das beste Brot und warum gibt es so viele Vorurteile über Saudi-Arabien? Ja, weiß ich auch nicht. Seid ihr nicht mit Öl reich geworden? Und die Schwierigkeiten, mit einem Kopftuch in Marzahn ein Brötchen zu kaufen. Gibt es. Es gibt Geschichten dazu. Hier, jetzt, live. Es spitzt sich zu und die junge Frau aus Palästina, die übrigens diejenige ist, die immer zu spät kommt, und ich schauen uns in die Augen uns sagen ohne Absprache: Ausländer raus! Ausländer raus! Auf Deutsch! Großes Kino!
Und ich habe wieder festgestellt, dass ich viele Fragen stelle. Zu viele? Geht das? Nerve ich etwa? Das Thema einer Stunde war ‘Tauchen’. Zur Abwechslung mal nicht was zum Thema Business oder Grammatik. Nach 20 Minuten Text lesen und gemeinsam durchgehen, bekommen wir die Aufgabe – also die Frage gestellt, ob wir Angst hätten, wenn wir einen Hai beim Tauchen entdecken würden und was wir machen würden. Frau Klamm streckt ihre Hand in die Höhe. Ja, Frau Klamm! Ich frage voller Überzeugung, bevor ich bereit bin, diese Frage mit meinem besten Englisch zu beantworten: Um welche Art von Hai handelt es sich? Die vorliegende Thematik wird mit der gebotenen Seriosität behandelt, wobei die Gewährleistung optimaler Grundlagen als conditio sine qua non für die Befähigung zur wahrheitsgemäßen Antwort erachtet wird. (War das jetzt eine C1-Deutsch- Niveau Antwort?). Ich habe nie eine zufriedenstellende Antwort auf meine Frage bekommen. Ein Babyhai ist ja keine ernstzunehmende Gefahr. Aber wenn der weiße Hai mir an den Oberschenkel will, dann habe ich ein Problem. Hier sind zwei verschiedene Antworten denkbar. So ja nun nich!
Ich genieße es zu lernen. Freiwillig zur Schule gehen, das ist was ganz neues. Ich nehme alles mit. Jede freiwillige Hausaufgabe. Ich will den Vokabeltest, der eigentlich ein lockeres Spiel sein soll, gewinnen. Ja, gewinnen! Interessant ist, dass man immer die gleiche Schülerin bleibt wie in den 90ern. Ich verachte den Frontalunterricht. Wir haben wenige Lehrer, die in dieser Schule so unterrichten – Dankbarkeit! Lehrer*innen jünger als ich, die als Freelancer sich Geld dazu verdienen. Ich kann mit jedem in der Klasse gut. Ich will zu keiner Clique gehören. Ich stelle Gegenfragen und hasse Lückentexte.
Ich habe tolle Begegnungen in der Schule. Das, was ich auf meiner Reise auch schon so genossen habe. Das Leben ist eine Reise mit Begegnungen, auch wenn das Leben mal ein mehrwöchiger Englischkurs ist. Schmalzig. Is aber so!
Ich sitze in einem Coffeeshop am Ku’damm und schreibe diese Zeilen und bekomme ein Gespräch mit. Der Kunde spricht nur Englisch. Die Frau hinter dem Tresen stellt sofort auf Englisch um und macht einen guten Job – im Service und mit ihrem Englisch. Und dann entschuldigt sie sich für ihr schlechtes Englisch. Excuse Me! Nein. Der Kunde hat dich verstanden. Du warst höflich und bemüht. Du brauchst hier kein Oxford-Niveau hinlegen. Alles jut! Seid doch mal stolz. Ich bezweifle, dass der Kunde eine weitere Sprache spricht.
Peace Out!, wie man im Englischen sagt.