Ich kenne das. Haushaltsgeld für einen Monat im Blick. Von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen. Vollzeitmutti. Schlüsselkind. Anschaffungen waren wohl überlegt. Für neue Sneaker, die keine Saisonschuhe waren, die meine Mutter finanziert hat, musste ich arbeiten gehen. ALDI-Einkäufe. Rückgeld in den Umschlag und die Bons wurden aufgehoben. Bis in die späten 2000er konnte ich nicht mehr bei ALDI einkaufen gehen. Ich habe das immer mit Erinnerungen an den Wocheneinkauf jeden Freitag verknüpft. Mittlerweile ist ALDI kein Trauma mehr. Aber meine erste Wahl wird es nie sein.
Inflation Is Coming. Ne, sie ist Realität. Grundnahrungsmittel sind Luxus geworden. Ja, kommt immer darauf an, in welcher Gehaltsbubble man lebt. Auch wahr. Student*innen, die keinen finanziellen Rückhalt von Mutti und/oder Vati haben. Eltern, die ihre Kinder alleine großziehen müssen. Dazu die Gehälter. Mehrere Jobs. Herzlichen Glückwunsch. Rentnerin will ich auch nicht sein. War das schon immer so oder ist es jetzt einfach Standard, dass Menschen nach einem Netto-Einkauf ihre Kassenbons checken? Mir fiel es vor einem Jahr auf. In den Sozialen Medien und Nachrichten schon lange Thema. Aber wenn man es live sieht, ist es einfach bedrückend. Ich achte stark darauf, wenn ich meine Sachen in den Rucksack packe und es ist die Realität. Menschen stehen abseits der Kasse, der oder die Kassier*in hat im Eiltempo die Kund*innen abgefertigt. Bon in der Hand und der Blick wandert von den wenigen Sachen im Einkaufskorb zum Bon zurück. Manchmal wird auch extra die Lesebrille rausgekramt. Stich ins Herz, jedes Mal, wenn ich das sehe. Ich mache das nicht. Ich knalle mir den Einkaufswagen voll und gut ist. Ich kann es mir leisten. Heißt nicht, dass ich nicht auf die Preise achte und die KG-Preise vergleiche. Ich habe auch Grenzen. Aber ich verzichte auch nicht auf meinen Frischkäse. Und der kostet jetzt 3 x mehr als noch vor 5 Jahren. Was geht mir durch den Kopf im versifften Netto-City? Ganz einfach: wie ernährt sich eine Familie mit geringem Einkommen? Jeden Tag Nudeln, die noch erschwinglich sind? Der Blumenkohl für 4,99 EUR ist einfach nicht drin. Gurke, die aus Wasser besteht für 1 EUR – im Angebot. Aber der billige Eigenmarke-Eistee bleibt seit Jahren gleich im Preis. Rein in den Korb. Der schmeckt. Auch ok. Aber er sollte nicht (immer) die Alternative für ein ‚echten‘ Saft sein.
Netto Genthiner Ecke Kurfürstenstraße ist einfach anstrengend. Konfrontation mit Armut. Es steht ein Polizeiauto vor der Filiale. Ladendiebin gefasst. Ok, kommt vor. Alles abgewickelt. Ein älterer Herr kniet vor den Konserven und sucht nach den Angeboten. Das Prospekt der aktuellen Woche in der Hand. Er entscheidet sich für eine günstige und gute Linsensuppe. Die kaufe ich auch immer auf Vorrat. Ich warte bis er fertig ist und ich stapel auch 5 Dosen in meinem Wagen.
Innerhalb von 5 Minuten, ich stehe mittlerweile an der Kasse, zweiter Diebstahl. Der Filialleiter sagt laut: ‘Sind die Bullen noch da? Ne, Mist. Ich muss nochmal anrufen.’ Ich zahle knapp 60 EUR für einen fetten Einkauf. Ich kann mir das leisten und brauche die nächsten 3 Wochen nur noch frisches Gemüse kaufen, wenn ich mich nicht nur von Reis, Hüttenkäse und Linsensuppe ernähren will. Klopapier und Reinigungsmittel sind noch nicht dabei. Luxus ist für mich 1KG Datteln, Sonnenblumenkerne, Soja Geschnetzeltes im Vorratspack (also 10 Packungen) …
Vollgepackt will ich nach Hause. Vor der Filiale stehen drei Menschen, die nach Essen und Geld fragen. Ich kann das nicht mehr. Ich stapfe weiter über den damals sogenannten ‘Babystrich’ an der Kurfürstenstraße. Baustellen, Dreck, dazwischen das französische Gymnasium, wo die Kinder von den Eltern in Funktionsbekleidung (500 EUR aufwärts) abgeholt werden. Einige Autos fahren langsam in der zweiten Reihe …Sexshopping am Freitag. Sexarbeit ist legitim. Es muss aber fair und kontrolliert sein. Ich ahne, dass hier nicht alle Sexarbeiter*innen freiwillig stehen. Ein Touristenpaar hat sich wieder mal verirrt. Das ist nicht der Kurfürstendamm, sondern die Kurfürstenstraße. Wann lernt ihr das endlich!? Das beobachte ich nun schon seit mehr als 13 Jahren. Sie bekommen das auch gleich zu spüren. Eine offensichtlich betäubte Person schreit das Paar an und läuft ihnen aggressiv hinterher. Dafür habe ich jetzt keine Zeit. Die schaffen das schon. Die CHANEL-Boutique findet ihr hier nicht, denke ich mir noch.
Es sind Gedanken, dass das meine Heimat, mein Kiez seit Jahren ist. Eine Kollegin hat sich in diesem Kiez eine Eigentumswohnung gekauft – keine Berlinerin und meinte: Ich habe ja auf die Gentrifizierung gehofft. Ich war sprachlos. Ich kann mir diese Wohnung nicht leisten. Doch ich kann, aber ich werde keinen Kredit für 250.000 EUR aufnehmen. Ich habe für das alles keine Lösung. Ich wähle Die Linke. Die Wahl haben sie 2026 in Berlin gewonnen. Ob beim Friseur oder an der Kasse von Netto – es ist Stadtgespräch. Hoffnung auf einen Wandel. Aber wo fängt man an?