Ein ganz normaler Tag in meinem derzeitigen Leben. Session in einem Coffee Shop am Ku’damm. Vorbereitungen auf ein Vorstellungsgespräch. Danach Einkauf. Berlin ist kalt und bissl rutschig auch noch. Nicht überall wurde gestreut. Dann ab zum Muskel- und Faszientraining in einer alten Turnhalle im Hinterhof. Ich besuche diesen Kurs schon seit über 7 Jahren. Eingeschworene Gruppe. Jedes Jahr wundere ich mich, warum dieser Kurs nicht mehr besucht ist. Volkshochschulen sind mein Favorit, wenn es um Sportkurse geht. Günstig im Vergleich zu fancy Pilates- und Yogastudios. Die Orte, wo die Kurse stattfinden, sind teilweise so veraltet und heruntergekommen. Weiter so Berlin! Macht dieses Angebot damit attraktiver. Heute war Thema, wie man auf Glatteis am besten läuft, um nicht zu stürzen. Unsere Trainerin betreut auch Senior*innen, die Rollatoren brauchen …wir machen auch viele Koordinierungsspiele zur Förderung der Mobilität, Reaktionsfähigkeit und Sturzprophylaxe. Damit kann man nicht früh genug anfangen. Ich komme bei diesem Kurs nicht ins Schwitzen, aber keine Faszienrolle mit den heftigsten Noppen kann mich noch verschrecken. Abgehärtet. Massage und einfach herrlich. Ich stöhne dabei, was jedes Mal lachend kommentiert wird. Ich lasse mir nicht vorschreiben, wann und wie laut ich stöhnen darf. Ich halte noch ein Pläuschen mit einer anderen Kursteilnehmerin nach dem Kurs. Man kennt sich jetzt auch schon seit Jahren. Thema: Wohnungsnot in Berlin. Sie lebt auch in der Nähe vom Ku’damm und zahlt unter 400 EUR warm. Der Wahnsinn. Ich stiefel noch zu dm und dann ab nach Hause. Bitterkalt. Jetzt vorsichtig laufen, wie vorhin geübt. Ich habe noch 300 Meter vor mir. Es ist schon 22 Uhr. Ich sehe 10 Meter vor mir eine ältere Dame. Maximal 1,40 Meter hoch. Schleppt Tüten und läuft noch langsamer als im Schneckentempo. Ich nehme meine Kopfhörer raus und nähere mich vorsichtig von der Seite. Ich will sie nicht erschrecken. Sie hat mich schon wahrgenommen und drehte sich zu mir um. Ich frage, ob ich sie irgendwie unterstützen kann. Ich habe damit gerechnet, dass sie abwinkt und mich auf freundliche Berliner Art bittet, sie in Ruhe zu lassen. Ganz im Gegenteil. So schnell kann ich gar nicht meine Hand ausstrecken, da trage ich schon ihre Einkaufstüte und sie nimmt meine Hand. Und los geht’s. Sie wohnt in der Hausnummer 19. Wir sind jetzt bei Nummer 15. 88 Jahre alt. Kriegskind. Wir brauchen 30 Minuten für die nächsten 50 Meter. Alle 2 Meter machen wir eine kurze Pause und ich erfahre ALLES von ihr. ALLES. Sie ist wach und fit. Naja, nicht mehr so fit, daher hat sie meine Hilfe gerne angenommen. Ist nicht gestreut in Ihrer Straße. So viel Lebensgeschichte auf einmal. Ich frage sie, ob sie Familie hat. Sie antwortet, dass alle auf der Wiese sind. Ich verstehe nicht und frage nach. Na, auf dem Friedhof. Lustig. Ich lache laut. Tochter an Krebs gestorben. Ehemann, mit dem sie 42 Jahre verheiratet war, im Heim verendet. Die Bedingungen aus dem Pflegeheim waren unerträglich anzuhören. Was noch? Ihre Wohnung, in der sie seit 1973 wohnt, ist voller Schimmel. Der Eigentümer kümmert sich einen Scheiß. Sie wollen sie loswerden. Mit den Busfahrern in Berlin versteht sie sich blendend. Das glaube ich sofort. Ich muss mir zwischendurch Handschuhe anziehen, weil meine Finger fast einfrieren. Bei dem Schritttempo, was wir haben, muss ich mich präparieren. Sie fragt mich nach meinem Sternzeichen. Jetzt sind wir Freunde. Waage. War ihre Mama auch. Die können gut kochen. Ich denke nicht. Zwischendurch erzählt sie aus der Nachkriegszeit und was es zu essen gab. Ihr Vater und ihre Mutter waren so groß wie ich und sie so klein. Ihr Vater hat immer gesagt (Ich hoffe aus Spaß!), dass sie aus dem Zwergenwald geholt wurde. Sie redet ununterbrochen. Aber so herzlich und ehrlich. So fit und nicht verbittert. Einen Tipp gibt sie mir mehrmals: Heirate niemals! Ok, ich arbeite dran. Ich sehe Nummer 19. Jetzt noch die Treppen zur Haustür hoch. Sie besteht darauf, dass sie sich an dem Geländer selbst hochzieht. Heute fällt es ihr schwer. Ich helfe nach. Die Tür ist so schwer, dass es ein Kraftakt für sie ist. 1,40 m! 40 kg? Sie steht in der Tür und stellt ihre Taschen und Tüten im Flur ab. Ich halte die schwere Tür mit meinem Fuß auf, sonst würde sie sie zerquetschen. Wir wünschen uns alles Gute! Wir geben uns die Hand – nochmal. Denn wir haben die ganzen 50 Meter Händchen gehalten. Mit der Begegnung habe ich heute nicht mehr gerechnet. Sie hat mein Leben bereits zweimal gelebt. Für mich ist das kaum vorstellbar. Ich denke an die 20-Jährigen, die ich auf meiner Reise getroffen habe oder jetzt in meinem Kickbox-Training treffe. Ich habe deren Leben schon zweimal gelebt. Verrückt für mich. Wir winken uns nochmal durch die Glastür. Ich warte bis sie sich umdreht und die Treppen hochgeht. Jetzt ist sie sicher. Mach’s gut! Danke für den Spaziergang.