Ich muss so oft an diese Unterhaltung mit Danielo (Er heißt nicht so, aber so haben wir ihn immer genannt!) denken. Ich würde es auch gar nicht als Unterhaltung bezeichnen, wenn ich darüber nachdenke. Es war eine Ansage an mich. Sowas bin ich nicht gewohnt. Ich teile doch immer nur aus. Und wie immer mochte ich ihn am Anfang nicht. Ist zu 99% so bei mir. Erstmal nicht gut finden und dann werden daraus Freundschaften oder einfach wichtige Begegnungen. Das zieht sich durch mein Leben. Jetzt weiß ich schon, wenn ich jemanden nicht mag, nachdem ich ihn/sie kennengelernt habe, dass da Potential für eine Freundschaft ist oder einfach ein guter Austausch. Ich wurde noch nie enttäuscht. Danielo treffe ich auf dem Flur in meiner Englisch-Schule. Er ist offen, lächelt und grüßt jeden. Wir sind noch nicht in einer Klasse. Er ist eine Stufe über mir. Jetzt aber. Ich wurde in den höheren Kurs eingestuft. Wir sitzen nebeneinander. Er ist klug. Dem scheint nicht nur die Sonne aus seinem A****. Da ist mehr. Was ist da los? Ich lerne ihn besser kennen. Wir sind sehr unterschiedlich. Das schadet nicht, eine gute Zeit gemeinsam zu haben. Er ist aus dem Iran geflohen. Mit seiner Ehefrau. Jetzt ist der Krieg dort eskaliert und er hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Kein Netz. Ungewissheit. Wir erkundigen uns jeden Morgen bei ihm, wie es ihm geht. Ob wir etwas tun können. Er strahlt und ist gefasst. Mich macht das sprachlos. Ich nutze es natürlich auch aus und frage ihn viel über seine Kultur und das Land, das er verlassen hat. Er klärt mich auf, dass dort keiner religiös ist. Alle wenden sich dem strengem Islam ab. Keiner will das und lebt das ernsthaft. Alles eine Show. Jeder weiß das. Heftige Kritik an der Zwangsausübung. Wir lachen viel zusammen. Auch übereinander. Je unterschiedlicher unsere Meinungen sind, desto mehr Spaß haben wir zusammen. Wir lachen Tränen im Unterricht. Müssen uns einmal auseinandersetzen, weil es nicht mehr geht. Wir sollten uns in einer Schulstunde gegenseitig beschreiben. Auf Englisch natürlich. Er meinte, dass er meine direkte Art sehr schätzt und dass ich ein unglaubliches Timing für Beleidigungen und Kommentare habe. It’s a gift, guys. Thanks! Ich beschreibe, dass ich seine Offenheit gegenüber allem und allen nicht fassen kann. Er lernt unfassbar schnell, aber mir zu langsam redet. Mach hinne, Danielo! Wir haben keine Zeit. 

An einem Nachmittag sitze ich zickig im Klassenzimmer und sage zu ihm, dass ich mich vielleicht wieder eine Stufe niedriger einstufen lasse. Ich wurde ja vor zwei Wochen hochgestuft und bin zu ihm in den Kurs gekommen. Ich war frustriert, dass ich nicht perfekt bin. Immer dieser Druck, gut zu sein. Zu denken, zu langsam zu lernen und zu verstehen. Ich hasse das selbst an mir. Diese Zweifel. Es nervt. Es ist unnötig. Alles in der Kindheit trainiert. Klare Sache! Danielo setzt sich zu mir und sagt ruhig, aber mit einer Tonalität, die ich noch nicht von ihm kannte: Oh, Frau Klamm ist nicht mehr die Beste im Kurs! Uhhhh, du Arme. Jetzt willst du zurück in deine Komfortzone, um wieder die Beste zu sein. Dich sicher fühlen. Streng dich an und zieh durch!  Das saß! Er hatte recht. Aber sowas von. Dafür hasse ich ihn. Er erzählt, dass er auch in meiner Situation war und der schlechteste im Kurs war und dachte, er schafft das nicht. Ich nicke ab und denke mir nur ‘Aye Aye!’. Danke, Danielo!