Ich will doch einfach nur meine Ruhe. Sonntags in die Hansabibliothek. Ich habe außer bei filmfriend.de keinen Account bei einem Streamingdienst. Und immer Binge Watching auf YouTube ist auch nicht befriedigend. Also werden DVDs ausgeliehen. Das Filmregal ist barrierefrei. Also auf Kniehöhe. Und was ist mit meinen 1,82? Immer werde ich diskriminiert. Ich lehne mich irgendwie bequem über die Neuheiten. 78% der Blockbuster und Serien hab ich schon geguckt. Ich bin Stammkundin. Ich lasse mir Zeit. Ich darf 20 Filme mit nach Hause nehmen. 19! Ausgeliehen. Jetzt schlendere ich noch durch die Regale. Vielleicht finde ich noch ein Buch, was mich interessiert. Stricken für Millennials. Nein, Danke! Frechheit. Sachbücher für die Selbstoptimierung. Ich brauche eine Pause von dieser Lektüre. Ich habe mich die letzten 3 Jahre angestrengt und bin weit gekommen. Und wie immer sonntags marschieren Touristen und ich denke auch Berliner in die Bibliothek. Eine Führung durch das Hansaviertel. Mindestens 20 Leute stehen uns dann im Weg. Es ist eine kleine Bibliothek. Öffentlich und jeder ist willkommen. Auch Schaulustige. Na gut. Es ist ein beeindruckendes Gebäude, ich weiß. Nachkriegsmoderne und nicht Bauhaus. Der Führer und die zahlenden Gäste warten. Auf was? Kann ich euch verraten. Immer wieder sonntags. Das architektonische Highlight der Hansabibliothek. Glasscheiben sind so konstruiert, dass sie in den Boden versenkt werden können. Alles staunt. Wir nicht mehr. Mit Wir meine ich alle Stammkunden und mich. Ich verdrehe die Augen und der Rest widmet sich wieder dem, warum er hier abhängt.
Ich greife ein Buch, das nur wenige Seiten hat. Da lese ich jetzt quer und mache es mir gemütlich. Es handelt davon, dass Alkohol in unserer Gesellschaft und Kultur fest verankert ist. Man wird schon schief angesehen, wenn man ein alkoholfreies Bier bestellt. Alkohol ist immer ein Thema. Feierabendbier. Absacker. Späti. Alkohol. Janz normal. Überall. Ich suche mir eine Sitzgelegenheit zwischen den Regalen. Musik im Ohr. Hier habe ich schon oft gesessen und ein paar Zeilen in Büchern gelesen, aber dann wieder zurückgestellt und nicht mit nach Hause genommen.
Lass es 4 Minuten sein, die ich für mich habe. Kann man in dieser Stadt nicht einfach mal seine Ruhe haben und lesen? Jemand beugt sich vor mich und sagt laut: Sie sitzen mir im Weg! Ich nehme meine Kopfhörer raus und bin bereit mich zu wehren. So nicht! Und sonntags schon mal gar nicht! Eine ältere Dame lacht und sagt dann: Spaß. Ich komme schon an meine Lieblingsromane. Bleiben Sie sitzen! Ich mache Platz – ich sitze wirklich im Weg. Ich mag sie sofort. Sie steht also wenige Zentimeter neben mir und sucht nach einem Buch und damit hat es sich natürlich noch nicht. Wir kommen ins Gespräch. Sie fängt an zu erzählen, dass sie noch Abendlektüre sucht. Diesen Autor mag sie so sehr. Sie greift sich ein Buch aus der obersten Reihe und sagt: Warten Sie! Ich lese vor! Sie strahlt und amüsiert sich, während sie liest. Ich bin dann doch ein bisschen erleichtert, dass sie nach 10 Sätzen aufhört vorzulesen. Ich habe auch meine Grenzen. Nun will sie wissen, was ich lese. Ich stelle mein Buch vor. Ihre Reaktion: Ach, ich hatte auch mal eine heftige Zeit mit Alkohol! Peter war 7, als er an Leukämie gestorben ist. Danach haben Freunde mich abends immer zu sich eingeladen – da habe ich viel getrunken und lange nicht losgelassen – also vom Alkohol. Ich denke jeden Tag an Peter. Das lässt einen nie los. Er wäre jetzt 61 Jahre alt. Ich bin 86. Ich sage: Das tut mir leid! Auch wenn manche das Gegenteil behaupten, ich kann durchaus empathisch sein. Ein Besucher, eine Reihe weiter, macht eine Bemerkungen, dass es ihm zu laut ist. Keule, komm runter. Wir reden über das bekackte Leben! Da kannst du mal für 5 Minuten die Backen halten und dich nicht so aufspielen. Das denke ich nur, aber ich bin jederzeit bereit, das laut durch die Bibliothek zu brüllen, wenn sich hier jemand beschwert, dass sich zwei kultivierte Menschen unterhalten. Meine Begegnung hat genau mein Leben schon einmal gelebt. 43 und 86. Unfassbar. Sie fragt, was ich sonst so lese oder empfehlen kann. Ich stehe auf und nehme sie mit durch die Bücherregale: Kommen Sie mit! Ich habe einen Tipp für Sie. Wir stehen vor den Krimis. Elizabeth George. Ich schnappe mir das dünnste Buch, das zur Ausleihe zur Verfügung steht und packe es ihr frech in ihren Korb. Sie nickt und sagt: Na dann, schauen wir mal, ob es mir gefällt. Schönen Sonntag.