Ich muss mich bewegen, um mich gut zu fühlen. Ich will lernen. Neues. Ich will es nicht dabei belassen, es damit zu kommentieren, dass man das und das ja mal machen könnte. Das langweilt mich. Gefühlt bestehen 70 % der Gespräche der Menschen daraus. Da will ich mal hin. Das will ich mal machen. Das interessiert mich. Das steht auf meiner Liste. Da will ich mich mal für anmelden. Ich kann es nicht mehr hören. Also habe ich mir angewöhnt, einfach zu machen. Ich bin nicht immer mutig. Ich bin auch faul und bequem. Das Haus in Irland habe ich noch nicht gekauft. Dafür brauche ich noch Zeit. Da schreckt mich die Verantwortung ab und besonders das Geld und die Zeit, die man investieren muss. Und will ich das überhaupt noch. Und für immer. Kein Grundbesitz macht mich dann doch glücklicher. Also buche ich für den Anfang ein Longboardkurs für Anfänger. Warum? Weil ich das schick finde, wenn ich die Leute damit fahren sehe. Ich will jetzt keine Meisterin im Longboard fahren werden. Ich will es aber wenigstens ausprobiert haben. Obwohl, für das Probetraining im Kickboxen habe ich mich auch nur angemeldet, um es mal zu testen. Jetzt kann ich mir mein Leben ohne das Kicken und Schwitzen nicht mehr vorstellen.

Treff ist auf dem Tempelhofer Feld und mir wird alles gestellt. Board und Schutzausrüstung. Den Fahrradhelm lass ich einfach auf. Ich trage immer einen Helm, wenn ich Fahrrad fahre. Ich bin ja nicht lebensmüde! Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich wie ein Stück Klumpen auf dieser Welt existieren müsste, nur weil ich meinen hässlichen Helm nicht getragen habe, als mich ein LKW gerammt hat und ich mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen bin. Der Kurs wird von einem Typ mit Titeln im Longboarden angeboten. Weltmeister? Irgendso etwas. Er bietet diese Kurse auch auf Fuerteventura an. Wenn man mit 120 km/h die Straßen runterfährt. Ich kann das kaum angucken, so gruselig für mich. Aber ich will ja auch einfach nur einmal das Gefühl erhaschen, wie es ist zu rollen. Wir treffen uns da, wo viele Skater unterwegs üben. Wir bekommen eine Einführung. Mit dem Board, aber im Gras. Somit rollt man nicht, wenn man lernt, Anlauf zu nehmen. Es sind auch welche dabei, die ihr eigenes Board haben und es schon können. Aber sie wollen noch ein paar Tipps vom Meister. Ich bin mit einem Familienvater, der seinen Sohn begleitet die Älteste. Das wird mir jetzt immer so gehen. In der Umkleidekabine beim Kickboxtraining werde ich ja auch konsequent gesiezt. Ich gebe auf, klarzustellen, dass das nicht nötig ist. Sie könnten meine Kinder sein und ich bin in ihren Augen eine Person, die man zu siezen hat. Dann ist das eben so. Ich muss mich einfach daran gewöhnen.  

Jetzt haben wir 20 Minuten Theorie hinter uns. Gewicht mit dem Standbein auf dem Brett – am besten weit vorne – und dann mit dem anderen Bein Schwung nehmen. Und dann das Bein für den Schwung auf das Brett stellen und rollen. Ja, genau. Ganz einfach. Jetzt geht’s auf das Rollfeld. Lustig. Ist ja wirklich ein Rollfeld. Versteht ihr. Tempelhofer Flughafen. Ich habe Knie- und Ellenbogenschoner an. Dann zwei Schienen für meine Handgelenke. Helm sowieso. Was soll schon passieren, Frau Klamm, denke ich mir. Viel, antworte ich mir. Mir macht eine Verletzung keine Sorge. Ich wäre nur sauer, weil ich dann für eine gewisse Zeit nicht mehr boxen könnte. Und man erholt sich ja im Alter auch langsamer. Und dann bin ich auch noch Kassenpatientin. Ich versuche, die Theorie in Praxis umzuwandeln. Ich stehe wie ein Kleinkind mit einem Bein auf dem Brett und weiß nicht, was ich machen soll. Der Trainer kommt zu mir. Er muss gesehen haben, wie ich leide. Er fragt, was los ist. Ich: Ich habe Angst! Er hält meine Hand und meint: Du musst jetzt machen! Sonst wird das nichts. Ich bin ein wenig zickig. Wie denn? So richtig schön die Beleidigte spielen. Ich kann das nicht. Er wieder: Los jetzt! Dann nahm ich mir Zeit, kurz durchzuatmen und auf das Board und meine Füße zu glotzen. Ich sagte mir, dass es nur Millisekunden sind, die mich davon abhalten, eine gute Zeit zu haben. Trau dich! Was kann passieren? Du hast auch Apnoetauchen ausprobiert und jetzt machst du dir hier selbst eine Szene. Das hat geholfen. Ich muss schmunzeln. Ich wage es und es ist holprig, aber ich stehe drauf und es ist ein gutes Gefühl. Überwunden. Jetzt über 1,5h immer und immer wieder Anlauf nehmen und stehen. Der Profi guckt uns zu und gibt uns Anweisungen. Jetzt gegen den Uhrzeigersinn. Jetzt will ich es noch schaffen, mehrmals mein Board anzuschubsen. Nicht nur einmal und dann ausrollen lassen. Sondern weiter, wenn ich keinen Schwung mehr habe. Es ist jedes Mal eine Herausforderung. Aber ich werde sicherer. Bremsen lernen wir auch. Er hat es bewusst nicht am Anfang der Stunde gezeigt, weil er meint, dass es dann immer nur um den Ernstfall geht. Fand ich im Nachhinein gut. Es ging erstmal darum, sich zu trauen. Es hat geklappt und ich bin so stolz auf mich. Ich habe es im Blut – nein, nicht das Longboard fahren, sondern immer zu denken, ich bin nicht gut genug und müsste es viel schneller lernen oder besser sein. Diese Eigenschaft bei mir selbst kotzt mich richtig hart an. Woher das kommt, ist klar. Ich habe aber auch keinen Bock (mehr) mich damit zu beschäftigen. Ich arbeite dran. Ich weiß es und ich werde sanfter mit mir. Ich denke, dass ich immer gleich performen muss. Aber man ist am Anfang von etwas Neuem immer Anfänger. Ich sehe keinen Fortschritt mit dem Longboard auf dem Feld. Aber das ist falsch. Ich mache weiter. Ich gebe nicht auf. Das ist Fortschritt. Ich gebe nicht auf. Ich habe angefangen. Ich gewöhne mich an dieses neue Gefühl auf so einem Brett mit Rollen zu stehen. Irgendwann nehme ich das Board vom Boden und trage es zum Rasen an den Rand. Der Trainer lacht und fragt, was los ist. Ich sage sehr klar und deutlich, dass meine Konzentration nachlässt und das gefährlich wird. Er stimmt mir zu. Das ist am Anfang viel Koordination und Energie. Er klopft mir stolz auf die Schulter. Das nehme ich sehr gerne an. Wir hätten ewig weitermachen können. Der Kurs war für 2 Stunden angelegt, aber er meinte, dass wir bleiben können. Aber wir können alle nicht mehr. Ich radle zufrieden mit meinem Fahrrad vom Feld und überlege, ob ich das nochmal machen möchte. Ja. Ich kaufe mir bei ebay kleinanzeigen ein Board und übe in der Tiefgarage bei mir zu Hause. Vorteil ist, dass ich laut brüllen kann, wenn ich mir meine Hüfte gebrochen habe und man mich definitiv hört. Irgendjemand wird schon stutzig und kommt mir zur Hilfe. Und wenn es erst am nächsten Morgen ist. Irgendwer wird hier schon parken wollen. Hier sind viele Büros. In der Wohnung übe ich barfuß auf das Board aufzusteigen und die Balance zu halten, wenn ich das hintere Bein aufs Brett hole. Es geht um Gewichtsverlagerung. Dabei gucke ich Serien. Manchmal aber auch zwischen Wäsche aufhängen und kochen. Der Invest hat sich gelohnt und ich habe Lust das weiterzumachen. Ich will keine Reels für Instagram aufnehmen und angeben. Ich will einfach Neues lernen und machen. Für mich. Für niemand anderen. Ich spüre, dass mich das am Leben hält.