Ich stehe nicht mehr an. Kommunismus ist vorbei und ich muss auch nicht in diesen Club, um mich wieder enttäuschen zu lassen. Von was? Von dem Publikum, von den Drinks, den Preisen und einfach …ich clubbe nicht mehr. Ich langweile mich. Zu oft nochmal versucht. Ich bin raus. Auch für ein neues iPhone stelle ich mich nicht an. Für das plattgedrückte Croissant in Seoul sowas von auch gar nicht. Ab zu 7 Eleven. Frisches Croissant von der Frischtheke. Ruffsetzen. Fertig. Schokostreusel und Blattgold schmeckt man eh nicht. Aber bei meinem Bäcker am Wittenbergplatz stehe ich gerne mal an. Ich gehe bei der Hitze lieber vor der Mittagssonne einkaufen. So hat es mir heute die B.Z. empfohlen. Ich glaube alles, was die schreiben. Immer diese Ausländer! Gute Idee. Nicht ‘Ausländer raus’, sondern vor 12 Uhr den Einkauf erledigen. Was hier los ist Nähe Ku’damm. Touris. Bunt. Laut. So fühlt es sich also an, wenn ich als Rentnerin Vormittags einkaufen gehen kann. Ob ich mir die Miete in diesem Kiez dann noch leisten kann? Verdrängung. Jetzt erstmal frisches Weißbrot von meinem Lieblingsbäcker. Uns allen läuft der Schweiß. Ausländer aka Touris vor mir und hinter mir. Vor dem Bäcker kann man auch sitzen. Man gönnt sich. Wenn man die Augen zukneift, könnte es fast wie in Paris wirken. Aber nur fast. Da fehlt noch bissl Stil. Aber man kann ja nicht alles haben in seinem Kiez. Camp David ist einfach noch nicht insolvent. Vor mir in der Schlange ein Pärchen. Nicht von hier. Sie sind jetzt dran. Die Backwarenverkäuferin kenne ich natürlich. Ich konzentriere mich auf das, was jetzt kommt. Denn ich bin hier öfter. Das Pärchen zeigt auf ein belegtes Brötchen in der Auslage. Verkäuferin schwitzend und mit der Berliner Freundlichkeit: AI KÄHN NOT SEE JOUR FINGÄRS. JU MUST SAI WHAT JU WANT. Ich feier innerlich. Mein Berlin Moment vor 12 Uhr. Das Pärchen bemüht sich wirklich, den Einkauf schnell hinter sich zu bekommen. Aber es geht weiter. Sie fragen nach Getränken. Kalt? Jetzt sind wir kurz vor der Eskalation. Ich spüre das. Meine Heldin von heute zeigt auf den Kühlschrank neben den gestressten Touris: THÄHR! Man sucht sich ein Getränk aus. ‘Gedemütigt eine gekühlte Brause aus einem Kühlschrank herausnehmen’ heißt das Theaterstück. Applaus! Es geht weiter. Finale!!! 4 …3 …2 …Die Berliner Schnauze mit Mindestlohn dreht sich um, um die Bestellung auf die Teller zu legen und sagt sehr laut – für alle: DA STEHEN DIE 20 MINUTEN AN UND HABEN ZEIT UND FANGEN ERST JETZE AN ZU DENKEN WAT SE WOLLEN. MEINE FRESSE!!!!!!!! Ich finde es so lustig, weiß aber auch, dass es unfair ist. Be kind! Andere Kulturen, andere Seelen, andere Verhaltensmuster … Wir Berliner sind immer so hart! Ich überlege, ob ich laut lachen soll oder die Opfer in den Arm nehmen soll. Ich entscheide mich dafür herauszufinden, wer hinter mir lacht. Zwei Männer – auch nicht von hier. Aus Polen. Wir entscheiden uns gemeinsam zu lachen! Laut. Ich packe mein Weißbrot ein. Ungeschnitten, so mag ich das. Berlin, du enttäuscht mich nie!