Ich wohne seit 19hundert …ne, dieses Mal nicht so lang her – sondern erst seit 2012…also wohne seit 14 Jahren in meiner kleinen Bude. Ich musste flüchten, denn ich habe in einer sehr unangenehmen Wohngemeinschaft gelebt. Damals habe ich mich für den Mietpreis geschämt. Ich habe aber zugeschlagen. Ich musste raus. Zu teuer. Nach 3 Jahren habe ich damit angegeben, wie günstig ich wohne. Es ging los. Alte Mietverträge in Berlin waren das neue GOLD. Ich wohne in einem riesigen Gebäudekomplex. Eine echte Platte ist es nicht, aber es kommt dem sehr nah. 70er und feini Asbest. Egal, billig. Hauptsache der Ku’damm ist in der Nähe. Mein Balkon liegt zum Hinterhof raus. Die Abholung der Mülltonnen ist mein ASMR ab 7 Uhr am Morgen. Seine Nachbarn kennt man hier nicht. Vielleicht huschte mal jemand vor einem schnell in seine Wohnung. Es änderte sich, denn neben mir zog eine ältere Dame ein. Ihr Sohn lebt in Berlin und hat sie sich zu sich geholt. Sie ist dann auch schon nach wenigen Jahren gestorben. Aber nicht in der Wohnung. Ich war zweimal Käffchen trinken bei ihr. Zwei Frauen. Altersunterschied 50 Jahre. Eine Berlinerin, die andere, gebürtig aus München. Und dann gibt es einen Balkon in Sichtweite, der immer gleich ablief. Also, unter der Woche konnte ich es nicht beobachten. Während des Lockdowns war klar, dass das sieben Tage die Woche so abläuft. Die Balkontür öffnet sich. Ein älterer Mann mit einer akkuraten Kurzhaarfrisur kommt auf den Balkon und begutachtet erstmal die Lage. Es folgt die Partnerin (davon gehe ich mal aus). Sie guckt auch, ob alles noch am Platz ist. Sie hustete schwer. Oft. Zündete sich regelmäßig eine Kippe an. Er raucht nicht. Man saß auf dem Balkon. Gefühlt, bis es dunkel wurde. Im kalten Winter machen sie eine Pause. Da wurde nur gelüftet. Aber im Sommer immer gemeinsam auf Balkonien. Wichtige Fußballspiele wurden vom Balkon aus mitgehört. Mal ein kurzer Blick in die Wohnung auf den Fernseher, wenn das Tor nochmal gezeigt wurde. Einmal im Jahr kam Besuch (Anstandsbesuch der Kinder?) und im Frühjahr wurden die Fenster professionell gereinigt. 14 Jahre kennt man sich durch seine Rituale. Man hat sich schon wahrgenommen, aber es kam keine Reaktion. Hab‘ ich mich je getraut mal ‚Hallo!‘ zu sagen oder einfach mal abzunicken? Weiß ich gar nicht. Aber ich hatte wahrscheinlich nicht das Gefühl, dass das gewünscht ist. 2026 bemerke ich, dass sich etwas geändert hat. Er öffnet die Balkontür, checkt die Lage, bleibt aber nicht. Und auch seine Partnerin kommt nicht mehr auf den Balkon. Lebt sie noch? Er verbringt keine Zeit mehr an der frischen Luft. Die Tür ist nur offen, wenn gelüftet werden muss. Dann wieder dieser Moment, er öffnet die Balkontür und unsere Blicke treffen sich. Wie seit 2012. Aber jetzt hebt er die Hand und sagt ‚Hallo!‘. Mein Hirn hatte richtig zu tun. Ich hab’s geschafft und habe auch meinen Arm gehoben, gelächelt und ‚Hallo!‘ gerufen. Wir nicken ab und sagen uns damit, dass wir uns einen schönen Tag wünschen. Das passiert jetzt öfter. Es ist ein neues Ritual für uns beide.