Ich habe vier Monate lang eine Sprachschule besucht. So richtig Schule. 9:30 bis 17:30 Uhr. Als ich nach 12 Monaten Weltreise wieder zurück nach Berlin kam – war das meine erste Entscheidung. Und was mache ich, wenn die Schule vorbei ist? Ich will sprechen. Nicht einrosten. Die Lehrer meinten auch: ‚Einfach sprechen! Egal wie!‚ Ja, ich habe einen neuen Job. 40h die Woche. Im Job muss/kann ich auch Englisch sprechen. Aber eben nicht jeden Tag. Die Serien, die ich mir im Originalton reinziehe, reichen mir auch nicht (mehr) und ist halt auch nicht sprechen. Ich habe jetzt acht Staffeln Columbo durch. Ich habe keine Strichliste geführt, aber ich kann euch garantieren, dass Columbo und die Mörder mindestens vier Mal das Wort ‚certainly‘ in einer Folge sagen. Scheint Mode gewesen zu sein?! Ich recherchiere also nach einem Stammtisch, wo man Englisch sprechen kann. Ich finde einen. Das Design der Website ist in 1986 hängengeblieben. Aber alles aktuell. Immer donnerstags ab 19 Uhr am Stutti. Ich schreibe meiner neuen Freundin, die ich in der Englischschule kennengelernt habe, ob sie Lust hat mitzukommen. Wir schreiben uns jetzt regelmäßig, damit unser Englisch nicht einrostet. Sie kann noch nicht mitkommen, aber ich soll es testen und ihr Bescheid geben. Na gut. Ich bin müde und habe einen Achtstundentag hinter mir. Im Büro. Jetzt noch zum Stutti mit dem Rad. Zu Menschen, die ich nicht kenne? Aber in eine volle Hotelküche in Alice Springs, Australien gehen und einfach fremde Menschen ansprechen, die man erst 30 Sekunden gesehen hat. Und jetzt überlegen? 30 Minuten Fahrt. Ich weiß noch nicht, ob ich durchziehe. Ich entscheide mich in Richtung nach Hause zu fahren und ich muss einfach nur weiterfahren, wenn ich doch noch Lust bekomme. Also habe ich noch 15 Minuten, um mich zu entscheiden. Ich steige aufs Rad und die Sonnenstrahlen wärmen mein Gesicht. Musik auf den Ohren. Ja, ich höre noch den Verkehr. Ich habe Kopfhörer mit Ambient Aware, die mich alles wichtige hören lassen, damit ich in Berlin auf dem Fahrrad überlebe. Ich entscheide mich, beim Stammtisch vorbeizufahren. Damit habe ich selbst nicht gerechnet.
Schön die Kantstraße runter. Da ist was los. Sonnenallee im Westen? Lieferfahrzeuge 2. Spur am Abend?! Glaube ich nicht. Razzia in 3 …2 …1. Es gibt eigentlich nur eine Spur. Ich sichere mein Fahrrad und die Straßen sind voll. Menschen genießen den Sommeranfang. Eigentlich ist erst Frühling,
aber wir nehmen das hier nicht so. Zig Restaurants und Cafés. Da ist es. Man soll, wenn man neu ist, an der Theke nach der Englischgruppe fragen. Das mache ich. Man zeigt auf einen Tisch mit neun Menschen. Ok, jetzt mein Auftritt: ‘Hi, ich bin Frau Klamm.’ Ein kollektives ‚Hallo‘ zurück. Oder, na klar, ein ‚Hello!‘ Das war es auch erstmal. Man lässt mich in Ruhe. Die
Gespräche gehen weiter. Ignoranz würde ich es nicht nennen, aber war schon komisch. Ich nehme es nicht persönlich. Man lässt mich ankommen, davon bin ich überzeugt. Dann sitze ich und bestelle mir ein Getränk. Neben mir ein Mann aus Brighton. Er ist auch zum ersten Mal dabei. Ich lausche den Gesprächen. Es gibt eine offizielle Vorstellungsrunde für uns. Danke. So viele neue Gesichter, Namen und Leben, die auf mich einwirken. Es wird weiter geschnattert. Ich bin erstmal ruhig. Dann geht’s los. Ich bin dran. Ich werde direkt angesprochen. Und auf einmal saß man eine Stunde und hat neue Menschen in sein Leben aufgenommen. Wir ziehen um. Es wird zu kalt. Doch noch kein Sommer. Dort ist auch schon ein Tisch reserviert. Es wird voller. Und jetzt ist allen vielleicht nicht mehr so kalt und ich werde ausgefragt: ‘Woher bist du? Berlinerin? Wo aufgewachsen? Was machst du so?’ Aber keine Frage, warum ich ein Teil der Gruppe sein will. Warum auch. Wir sind alle aus dem gleichen Grund hier. Ich antworte und korrigiere mich manchmal selbst …one person. Two people. Ich muss schmunzeln, wenn ich mich selbst verbessere. Denn das waren im Englischkurs immer so kleine Fehler, die man selbst gern überhört. Aber deswegen bin ich hier. Lernen. Es ist erstaunlich, wie eine Gruppe von Menschen, die sich eine kurze Zeit kennen, einfach friedlich miteinander sein können. Man redet über alles. Politik war allerdings noch nicht Thema. Wen haben wir denn so?
Eine 83-jährige, die mich so stark an Lotti Huber erinnert. Sie hat Jahrzehnte in Neuseeland gelebt und weiß, wer der Vater von Willy Brandt ist. Okay, erzähl mal.
Ein Familienvater aus Brighton, der seine Eigentumswohnung in Kreuzberg verkauft hat und jetzt mit Frau (Berlinerin!) und Kind am Rand von Berlin wohnt. Selbst schuld, mein Freund.
Ein Ü60-jähriger, der im Osten geboren ist und Englischlehrer geworden ist. Im Osten! Und vor der Wende nie in englischsprachigen Ländern war. Er passt perfekt in einen Sketch von Loriot.
Eine Frau gefällt mir. Überall gelebt. Die Aufzählung der Tiere, die sie schon gegessen hat. Alles außer Katzen und Hunde. Mit schwarzem Humor zählt sie emotionslos auf, wie die Tiere geschmeckt haben. Sie ist die Anführerin. Ganz klare Sache.
Ein Typ, der auch zur Gruppe gehört, aber so wirkt, als ob er sich an den falschen Tisch gesetzt hat. In Indien geboren, dann irgendwie nach Deutschland und seine Ex-Freundin kommt aus der Kleinstadt in Sachsen, wo meine Familie väterlicherseits herkommt.
Menschen mit Geschichten. Menschen, die einfach eine gute Zeit haben wollen und Englisch sprechen (üben) wollen. Und nun sitze ich hier. 3,5 Stunden. Ich bin jetzt in der WhatsApp-Gruppe. Es wird sich noch herrlich lustig gemacht, dass ich nicht weiß, wie ich meine Telefonnummer in das Smartphone der Anführerin eintippe. Hey, hey, hey …Ich gebe mein Bestes!
Lotti Huber bestellt sich noch eine Portion Pommes. Ein älterer Herr kam später noch dazu und bestellt sich ein alkoholfreies Bier. Er kommt aus Leeds. Auch, wenn er mit uns geht und nur 45 Minuten dabei war. Er ist gekommen.
Ich fahre nach Hause und bin froh, dass ich mich noch aufgerafft habe. Wenn ich Worte oder Idiome nicht verstehe, dann frage ich sofort nach. An diese Abend habe ich das Idiom ‚With flying colours‚ gelernt.
Eine Woche ist vergangen. Heute ist wieder Donnerstag. Lotti Huber hatte mich gefragt, ob ich ihr bei einer Sache helfen kann. Ich habe die Recherche ausgedruckt und eingepackt. Bevor wir in die Biergartensaison starten – treffen wir uns heute nochmal am Stutti. Für den Sommer sind andere Standorte geplant. Die Anführerin erzählte stolz, dass sie sich die ganzen Vorschläge nicht mehr anhört, wo man sich mal treffen könnte. Sie kommt aus City West und hier wird sich getroffen. Mir soll es recht sein.
Wie Brianne Wiest in meinem Lieblingshörbuch immer wieder sagt: Nimm Kontakt mit anderen Menschen auf! Nimm Kontakt mit anderen Menschen auf! Nimm Kontakt mit anderen Menschen auf!
Ja, es tut gut. Es ist so einfach. Es ist wichtig. Und wenn ich die Welt zurzeit nicht bereisen kann, dann hole ich mir die Welt an einen Tisch in Charlottenburg. Damit kann ich vorerst gut leben.