Man fragt mich, warum nicht Spanisch oder Türkisch. Ja, weil ich es mir schwer mache und einfach weil ich es spannend finde. Ich will ja nicht fließend Arabisch können. Die Lehrerin der Volkshochschule fragt uns nach den Gründen, warum wir uns für den A 1.1-Kurs angemeldet haben. Es sind Mitschüler*innen dabei, die in Flüchtlingsheimen arbeiten oder unbegleitete minderjährige Geflüchtete betreuen, die neu in Berlin sind, noch kein Deutsch sprechen. Respekt. Sie wollen versuchen, wenige Sätze zu lernen, um einen Zugang zu bekommen. Es ist immer ein*e Dolmetscher*in dabei, aber das führt zu Distanz. Ich antworte, dass ich diese Sprache überall höre, besonders im Sportverein und ich einfach ein Gefühl für die Sprache bekommen will. Einfach mal das Alphabet durchgehen. Sprechen, lesen, schreiben. Zumindest weiß ich schon nach einer Stunde Unterricht, dass das alif nicht nach links gebunden wird. Immerhin. Jeder Buchstabe hat eine eigene Schreibweise, wenn es am Anfang, in der Mitte oder am Ende steht. Ja, klar – macht es euch doch schwerer, als es sein muss. Worte wie Possessivpronomen und Vokale. Buntstifte habe ich auch schon gekauft. Denn Blau nutze ich für den Anfang des Wortes, Grün für die Mitte und Gelb für das Ende. Und Rot für den Buchstaben, wenn er ungebunden ist. Fragt nicht weiter. Es ist anstrengend. Bei ebay Kleinanzeigen habe ich mir das passende Lehrbuch gekauft. Mir die Seiten kopiert, damit ich mir Notizen machen kann und nicht ins Buch schreiben muss. Clever, meinte meine Sitznachbarin. So bin ich! Das Buch wird wieder verkauft. Sie meinte, dass das die Verlage aber nicht gerne sehen und eigentlich auch verboten ist. Da ich aber dafür bin, dass Lehrmaterialien staatlich gefördert sein sollten, halte ich nichts von ihrer Meinung. Und wieder bin ich in der Schulsituation. Leute, die zu spät kommen, verpeilt und dazwischen quatschen. Susi (Namen geändert!) quatscht dazwischen – redet laut, wenn sie sich etwas erklären will und/oder ihren Nachbarn involviert. Ich akzeptiere das nicht, weil ich die Lehrerin dann nicht verstehen kann. Also mache ich eine Ansage: Susi! Kannst du bitte aufhören zu quatschen, ich kann die Lehrerin nicht verstehen! Die junge Nachbarin neben Susi ist mir dankbar, aber ist auch erstarrt, weil ich das sehr dominant kommuniziert habe. Ich habe nicht immer die Geduld für gewaltfreie Kommunikation. Herrgott! Ich meine Allah!
Schon am zweiten Tag müssen wir an die Tafel und schreiben und wir haben noch nicht mal ein Drittel des Alphabets durchgenommen. Ich bin dran und nehme mir meine Notizen mit. Schule war keine gute Zeit für mich. Dieser Frontalunterricht und keine Zeit, um auf die individuellen Bedürfnisse, Persönlichkeiten und Lebensumstände einzugehen. Hat sich doch auch nicht geändert, oder?! Ich bin freiwillig hier und nehme mir Zeit und die Lehrerin gibt sie mir auch. Andere, die an die Tafel gerufen werden, sagen schon vorher, dass sie das nicht können. Oh bitte, dann lass es. Warum bist du hier?! Ich kann das nicht. Mimimimi …
Adam ist aus der Ukraine und kann noch nicht perfekt Deutsch. Doch Adam, kannst du. Glaub mir doch! Und jetzt will er auch Arabisch lernen. Die Ärztin neben mir fehlte schon zweimal und betont, dass sie ja schon vor 10 Jahren Arabisch gelernt hat. O-Ton: Ich hab das ja schon gelernt, bevor es cool war! Ich kann mich kaum halten …also nur mit meiner Mimik, versuche mich abzulenken und gucke zufällig Max an, der mir gegenüber sitzt. Ihm war diese Aussage auch sehr unangenehm.
Ich habe mir linierte Blätter in A4 nach der ersten Session an der VHS Moabit besorgt, denn unsere mitgebrachten Schreibunterlagen wurden sehr gründlich inspiziert. Die Lehrerin ging rum und meinte nur: Nein, nicht gut. Nicht karriert. Keine Linien geht auch nicht. A6-Block liniert ist auch nicht gut. Wir alle haben uns nicht gewehrt. Eine Woche später hatten wir alle linierte Blöcke in A4 für uns mitgebracht.
In den nächsten acht Wochen muss ich zwei Stunden pro Woche wieder zur Schule. Ich freue mich schon auf Läden in Berlin, wo alles in Arabisch ausgezeichnet ist. Dann kann ich das alif erkennen, was nicht gebunden werden durfte.